Von Menschen und Affen und Menschenaffen

In meinem fünf Jahre alten Südost-Asien Reiseführer, den ich im Tausch gegen einen langweiligen Roman bekommen habe, steht nichts Gutes über Medan. Nachdem aber nun mal mein Flugzeug hier landet, bleibt mir keine Wahl. Glücklicherweise treffe ich bei der Einreise die Engländer Matt und Ben. Matt war schon einmal hier und hat, um sich Medan zu sparen, vorab einen Transport direkt ab dem Flughafen organisiert. Im Wagen ist reichlich Platz, wir haben das gleiche Ziel und so begleite ich die beiden. Soweit ich es bei der Fahrt durch Medan erkenne, hat sich in den letzten fünf Jahren nicht viel geändert. Die Stadt ist immer noch hässlich. Einmal aus dem Gewühl heraus, geht es auf kleinen Straßen durch unendlich große Palmenplantagen. Unser Fahrer steht offenbar auf alte Rockmusik und so haben wir das zweifelhafte Vergnügen die ersten vier Stunden der langen Fahrt Scorpions zu hören. Immerhin wechselt die Musik rechtzeitig und passend vor dem Erreichen des kleinen Orts Bukit Lawang. Guns N Roses: Matt im MatschWelcome to the jungel. An einem Feiertag wie heute platzt der Ort jedoch von einheimischen Tagestouristen. Es ist zwar lustig mit den vielen freundlichen Indonesiern, aber zu einem Ort am Rande des Dschungels passt die Stille und die ständigen Stromausfälle irgendwie besser. Abend wird auch nicht die Glotze angestellt oder der Computer herausgeholt. Statt dessen spielt man zusammen Karten oder Schach und die Tourguides machen mit der Gitarre den Soundtrack dazu. Der abendliche Starkregen stimmt mit seinem Prasseln auf den Wellblechdächern mit ein und macht gleichzeitig die Kehrwoche.

Der Gundung Leuser Nationalpark liegt im wahrsten Sinne vor der Haustür. Matt erzählt mir, bei seinem letzten Besuch hatte er einen Handteller-großen Skorpion im Zimmer. Bevor man also die Schuhe schnürt, sollte diese erst mal ausgeklopft werden. Unser Guide führt uns direkt hinter dem Hostel in den Wald. Zuerst sind noch eine Gummibaumplantage zu durchschreiten, aber bald ist die Parkgrenze erreicht. Der Weg ist ein unbefestigter Trampelpfad und macht die Sache in der unendlich schwülen Luft nicht leichter. Nicht nur wegen den rutschigen Pfaden, auch wegen der zu erwartenden Blutegel sind feste Schuhe Pflicht. Trotz Mückenspray fallen die Moskitos über uns her. Für lange Kleidung ist es viel zu warm. Zum Glück sind das nicht die einzigen Tiere. Schon kurz nach der Parkgrenze treffen wir auf Thomas-Blatt-Affen. Thomas-Blatt-Affe IIMit ihren zweifarbigen Haaren und dem Irokesenschnitt sind sie die Punker des Waldes. Und sie verhalten sich auch so. Frech und ziemlich unerschrocken kommen sie ganz schön nahe heran. Kaum ein paar Meter weiter hängen schon die nächsten Primaten im Baum. Orang VIAuch hier gibt es Orang Utas und auch hier sind es meist umgesiedelte, halbwilde Tier die durch die riesigen Plamölplantagen ihre Heimat verloren haben. Die meisten sind ziemlich scheu, aber einige haben sich an die Menschen gewöhnt. Etwas später steht auf unserem Matt als GeiselWeg plötzlich ein Weibchen an dem wir uns im dichten Wald regelrecht vorbei drücken müssen. Bei Matt packt sie zu und umklammert seinen Arm. Erst im Tausch gegen ein paar Möhren und etwas Ananas kann der Guide Matt wieder freikaufen.

Bei einer Rast an einem kleinen Wassertümpel entdecken wir zwei Weichpanzer-Schildkröten. Nach ein paar weiteren Stunden durch den stickig heißen Wald kommen wir endlich im Camp an. Direkt am Fluss gelegen kann die idyllische Lage nicht über die spartanische Ausstattung hinwegtäuschen. Unsere Hütte besteht aus vier Ästen, einer Plastikplane und dünnen Isoliermatten als Bett. Aber so ist das nun mal in einem 1000 Sterne Hotel im Dschungel. Während wir die Gegend erkunden und im Fluss baden, zaubern die Guides mit einfachsten Mitteln ein tolles Essen.

Nach einer erstaunlich guten Nacht schauen wir am nächsten Tag einen kleinen Wasserfall an, bevor der heimliche Höhepunkt der Tour ansteht. Der nächtliche Regen hat den Fluss weiter anschwellen lassen, so dass der Rafting Tour noch etwas sportlicher ausfällt. Wir haben allerdings kein Boot. Die Guides basteln aus  fünf aufgeblasenen LKW-Schläuchen jedoch einen mindestens gleichwertigen Ersatz. Ein Seilgeflecht verhindert, dass wir durch die Reifen rutschen und die Isomatten auf denen wir geschlafen haben, machen es fast bequem. Rafting IAllerdings nur so lange bis die ersten Stromschnellen kommen. Jeder krallt sich irgendwo fest um nicht aus dem Boot geschleudert zu werden. Es ist ein riesen Spaß so den Urwald an sich vorbeiziehen zu sehen und nach einer dreiviertel Stunde auf dem Fluss wieder in Bukit Lawang anzukommen. Hier treffe ich durch Zufall Lucas wieder. Den Spanier und seine Freundin hatte ich 6 Wochen vorher auf den Philippinen kennen gelernt. Die Freundin muss mittlerweile wieder in Spanien arbeiten, aber Lucas hat noch mehr Zeit. Nachdem Matt und Ben noch in Bukit Lawang bleiben schließe ich mich  Lucas, Michael aus der Schweiz, Dave aus Australien und Sara aus Kanada an. Am Lake Toba, dem größten und tiefsten See in Asien, kommen noch drei Holländerinnen und eine Italienerin mit dazu. Um die Truppe noch internationaler zu machen und wegen der Ortskenntnis nehmen wir auf unsere Tagestour mit den gemieteten Motorrollern, kurzerhand noch eine indonesische Bedienung aus einem Restaurant mit. Mit sechs Motorrollern kurven wir gemütlich um die im Lake Toba gelegene Insel, bis uns eine Baustelle stoppt. Um nicht den gleichen Weg zurück zu fahren entscheiden wir uns die „Abkürzung“ über den Berg zu nehmen. Die Straßen haben sich nach einer Weile zu grob geschotterten Wanderwegen verändert und vor dem einsetzenden Regen können wir gerade noch in eine Hütte fliehen. Orientierung ist mittlerweile noch noch nach Himmelsrichtungen und Dank Lucas Handy möglich wo wir unsere aktuelle Position mit Google Maps bestimmen können. Die Italienerin Flo stürzt im Minutentakt, wir sind auf 1600 Meter, leichter Regen und es ist kalt. Bis auf Sara hat niemand eine Jacke dabei. Wenn wir mal wieder vor einem Wasserloch stehe und überlegen wie wir da mit den Rollern durchkommen, zittern alle unkontrolliert in T-Shirt und Shorts. Nass, kalt und hungrigMichael verliert beim Versuch den Roller durch ein Schlammfeld zu fahren seinen rechten FlipFlop. Drei Meter weiter liegt ein anderer Schuh im gleichen Matschloch, so dass der alte gar nicht erst gesucht wird. Die Zeit drängt, den langsam wird es dunkel und  die meisten fahren schon einige Zeit auf Reserve. Irgendwann tauchen Flo und Lucas nicht mehr auf. Mit Dave fahre ich auf einem Roller zurück um Flo beim Fahren abzulösen. Die Idee hatte auch schon Lucas, da Flo trotz der von Sara überlassenen Jacke total fertig ist. Jetzt haben wir allerdings einen Fahrer zu wenig. Also bringe ich Sara in der Dunkelheit kurz die Kniffe des Rollerfahrens bei und los geht es. Als wir wieder den Asphalt erreichen wird gejubelt. Auf dem Weg ins Tal stürzt Dave auf Rollsplitt und Sara verpasst eine Kurve und landet im Gebüsch. Aber alle bleiben einigermaßen heil. „Abkürzungen“ sind nicht immer schneller, Sara kann jetzt Roller fahren und die Indonesierin Mee macht nie wieder eine Tour mit Ausländern. Dann haben wir ja alle mal wieder was gelernt.         

Nicht wegen der Rollertort(o)ur, sondern wegen verschiedenen Reiserouten, sind wir in Bukittingi nur noch zu Dritt. Dafür kommt der Engländer John mit ins Boot. Beziehungsweise auf der Roller, den auch hier bieten sich Ausflüge an. Mit kleinem Gepäck starten wir von Bukittingi aus, zwei Zwei-Tages-Ausflüge. Der erste führt Sara, Lucas, Ben und mich in das schöne Harau Valley. Zuerst fahren wir jedoch über den nahe liegenden Equator. In Ecuador habe ich diese berühmte Linie irgendwie verpasst. Und im Endeffekt ist ja auch nur eine Linie. Also fahren wir weiter um eine Rafflesia aufzuspüren. Im Gegensatz zu Borneo schaffe ich es diesmal die Pflanze scharf abzubilden. Eine kleine Bambushütte wird unser zu Hause im Harau Tal. Überall sind auch hier Reisfelder zu sehen. Das intensive Grün und die Geometrie der Felder begeistern mich deutlich mehr wie wenn das fertige Produkt auf meinem Teller liegt. Spätzle wären mal wieder toll. Schlamm als Sonnenschutz mit LF 100

Der zweite Ausflug führt uns östlich von Bukuttingi zum Lake Minijao. Die kleinen Hütten sind idyllisch am Ufer gelegen. Den Abend verbringen wir mit einem Fuß-Volleyball-Match gegen die Angestellten der Bungalow-Anlage. Vermutlich spucken sie uns danach ins Essen, denn gegen drei Fußball-Nationen (Deutschland, England und ähh, ach ja, Spanien) haben die Indonesier natürlich keine Chance. 44 Kehren geht es den Berg hinauf bevor wir wieder zurück nach Bukuttingi rollern. Lucas geht zum Tauchen, Ben nach Australien zum Arbeiten und ich fliege mit Sara nach Jakarta wo sie eine Freundin aus Kanada besuchen kommt. Mal sehen was mit Java bietet. 

Jede Menge neue Bilder unter Fotos / Sumatra

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Vorbereitung veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Von Menschen und Affen und Menschenaffen

  1. Onkel Benz schreibt:

    „Unsere Hüte besteht aus vier Ästen, einer Plastikplane und dünnen Isoliermatten“

    uhh ich bin gespannt wie ein flitzebogen, wie man solche „Hüte“ bastelt.
    Sehr abenteuerlich die Rollerfahrt! Gut das nichts Passiert ist.
    Hossa Siggi

    • real68 schreibt:

      Haha, i habe ja als Endtschuligung, dass i mich der teutschen Sprache entwöhnt habe 😉 Aber wieso du „Flitzbogen“ klein und „passiert“ groß schreibst ist mir ein Rätsel 😉 😉

  2. Faxe schreibt:

    Bei dem Thema „Skorpion im Schuh“ sind natürlich deine Trekking- Sandalen wiederum ein nicht zu vernachlässigender Vorteil…

  3. Stefan schreibt:

    Hallo Alex,
    für Dein Alter wirst Du in Rechtschreibung richtig gut. Wenn ich da an die Schulzeit denke……
    Weiter viel Spaß!
    Gruß Stefan

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s