Ritter der Kokosnuss

In Hongkong erwartet mich ein warmer Empfang. Nicht sprichwörtlich sondern tatsächlich. Trotz der späten Stunde haut mich die schwüle Luft um als ich aus dem Flieger steige. Mit dem öffentlichen Bus, der glücklicherweise klimatisiert ist, geht es über eine 22 Kilometer lange Brücke vom Flughafen in die Innenstadt zum Hostel. Auf dem Weg bekomme ich das erste mal ein Teil der beeindruckenden Skyline zu sehen. Aber zum genießen bin ich zu platt. Leider ist das Hostel auch kein Ort zur Erholung. Im winzigen Sechser-Zimmer steht die Luft. Eigentlich wollte ich in Asien die Sammelunterkünfte hinter mir lassen. Hongkong jedoch ist klein und Platz entsprechend teuer. Haifischflossen und das ganze gute ZeugDafür lernt man auf engem Raum leichter Leute kennen. Und so ziehe ich zusammen mit vier anderen Leuten aus dem Hostel am nächsten Abend durch die Gassen. Sicher liegt es an dem gewählten Stadtteil, dass wir so viele Ausländer, also Nicht-Hongkong-Chinesen, sehen. Downtown ist voll von feiernden Bänkern die bei 80er-Jahre Musik vor den Kneipen stehen. Kein Wunder geht die Wirtschaft den Bach herunter. Wir machen uns auf die Suche nach einer authentischeren Gegend. Später, also viel später, und leider auch viele Schnäpse später, also sehr viele Schnäpse später, dämmert der Tag und ich in der Unterkunft vor mich hin. Erst am Abend raffe ich mich wieder auf und gehe draußen durch die Hochhausschluchten. Wie gesagt ist der Platz in Hongkong beschränkt und so wachsen nicht nur die Häuser in die Höhe. Mit der meiner Information nach einzigen doppelstöckigen Straßenbahn fahre ich zum Pferderennen. Wieder sind sehr viele Ausländer da, die hier scheinbar Ihre beruflichen Netzwerke pflegen. Gewettet und gezockt wird jedenfalls nur von Chinesen. Die Bänker machen das ja ohnehin den ganzen Tag. Wieder mit der hölzernen Straßenbahn geht es vorbei an bunt zuckenden Lichterreklamen zurück ins Hostel. Denn entgegen der Stadt die offensichtlich nie schläft, brauche ich ein paar Stunden Ruhe.
Meine kurze Visite in Hongkong ist nach drei Tagen schon vorüber. Zum Ende meiner Reise komme ich aber noch einmal vorbei. Zu viel gibt es hier zu entdecken. Der abendliche Flug über die beleuchtete Skyline zeigt mir Hongkong  noch einmal von seiner eindrucksvollsten Seite. In den Genuss der Skyline komme ich jedoch nur, weil ich meinen ursprünglichen Flug verpasst habe. Zwei Stunden vor Abflug auf die Philippinen teilt mir der Air Asia Schalterbeamte mit, dass ich ein Ausreiseticket vorweisen muss bevor er mich eincheckt. Mein Ticket von Hongkong nach Frankfurt reicht ihm nicht. Ich brauche ein Ticket von den Philippinen in irgend ein anders Land. Also schnell den Rechner aufgeklappt und los geht’s. Ein günstiges Ticket ist schnell gefunden, aber jetzt macht mir das Verifyed by Visa Bezahlsystem einen Strich durch die Rechnung. Also hin zum Schalter. „Hier kann man nur mit Bargeld bezahlen.“ Ich renne zum nächsten Geldautomat und kauf mir endlich das Ausreiseticket. Zurück bei Air Asia heißt es dann: Boarding completed. Ich werd irre. Als ich meinem Flieger nachschaue wünsche ich heimlich, dass die Möhre abstürzt. Tut sie natürlich glücklicherweise nicht. Dann kauf ich das Ticket von Hongkong auf die Philippinen eben noch einmal und sinke erschöpft in einen Starbucks-Sessel zusammen. Wenn ich schon 55 Euro für einen nicht angetretenen Flug rausschmeiße, dann kommt es auf einen überteuerten Kaffee auch nicht mehr an.
Um 0:45 Uhr lande ich nördlich von Manila in Clark. Mein Ausreiseticket will natürlich niemand sehen. Scheinbar bin ich während dem Flug eingenickt und habe verpasst, wie mich die Queen zum Ritter geschlagen hat. Denn seit meiner Ankunft auf den Philippinen nennen mich alle SIR! Clark ist nicht nur eine Drehscheibe für Billig-Fluglinien, sondern auch der größte Puff der Welt. Bis zu 10.000 Prostituierte sollen hier arbeiten. Ich beziehe ein Zimmer am Ortsrand, welches laut meinem Reiseführer zu den wenigen gehört die nicht stundenweise vermietet werden. Obwohl ich es nur stundenweise gebraucht hätte, denn mein Bus nach Manila fährt früh los. Eigentlich wollte ich Manila meiden. Die Stadt ist wie erwartet ein Moloch. Dreckig, laut und viel zu heiß. Und das Schlimmste ist der Transport in der Stadt. Zusammenhängende Transportmittel gibt es nicht. Die Motorradtaxis rufen unverschämte Preise auf, aber glücklicherweise helfen mir freundlichen Philippinos den Weg mit den billigen Jeepneys zum Terminal meiner Busgesellschaft zu finden. Denn hier gibt es nicht einen Busbahnhof, sondern jede der ca. 20 Gesellschaft hat irgendwo versteckt in einem Hinterhof seine zwei klapprigen Busse versteckt. Mein Bus ist natürlich ausgebucht. Erst auf hartnäckiges Nachfragen bekomme ich einen Klappsitz im Gang zugewiesen. Na immerhin. Die Zeit bis die Nachtfahrt losgeht überbrücke ich in einer Oase der Ruhe. McDonalds. Klimatisiert, es gibt was zu Essen, Internet und werde nicht ständig gefragt ob ich ein Taxi, eine Massage oder sonst irgendwas möchte. Im Bus komme ich auf dem kleinen Sitz natürlich nicht zum schlafen. Zumindest hält der Bus alle 2-3 Stunden, so dass ich mir die Füße vertreten kann. Denn immerhin meine Beine scheinen auf der Fahrt gut zu schlafen. Dafür reift ein Gedanke zur Gewissheit. Nie wieder Nachtbusse. Am Tag der Fahrt wartet man öde auf die Abreise und nach der Fahrt ist man meist so platt, dass der folgende Tag auch kaputt ist. Noch ein Gedanke festigt sich. Ich brauche Urlaub. Hört sich sicher komisch an, aber seit acht Monaten bin ich jetzt auf Tour. Nirgends war ich länger als 4 Nächte am Stück. Meist habe ich 4-5 Stationen pro Woche. Überall neue Sehenswürdigkeiten, Informationen und Gegebenheiten. Das ist alles schön und selbst gewollt. Ich beklage mich nicht. Aber es schlaucht. Also mache ich jetzt Urlaub. Urlaub vom Reisen. Ich drossle das Tempo etwas und hänge mich auf einer der vielen schönen Inseln in die Hängematte. Momentan bin ich allerdings noch nicht auf einer Insel, sondern in den Bergen.Kurz vor der Ernte Genauer gesagt in Banaue. Hier und in der Umgebung befinden sich die berühmten Reisterrassen. Die Höhenlage bringt angenehmere Temperaturen mit sich und so fällt mir der Ausflug nach Batad leichter. Wie die Ränge in einem Amphitheater ziehen sich die Reisterrassen die Bergflanken hinauf. Die Jahreszeit ist optimal. Der frische Reis leuchtet in der Sonne in strahlendem Grün. Beschauliches Batad. Strom nur mit Generator.
Die kurvige Landstraße nach Sagata fahre ich wieder mit dem Jeepney. Dieses öffentliche Transportmittel ist aus den im Zweiten Weltkrieg zurückgelassenen amerikanischen Willys Jeeps entstanden. Mittlerweile ackern unter den chromblitzenden und mit allerlei Verzierung garnierten Jeeps meist raue Diesel von Isuzu. Die langsame Fahrt lässt genug Zeit um die Landschaft zu genießen und ist zudem günstig. In Sagata besichtige ich eine Höhle und die hanging coffins. Reiche Philippinos haben sich früher ihren Sarg in die Felswände und an Höhleneingänge hängen lassen. Zum Teil sind die Särge 500 Jahre alt. Der jüngste soll von 1976 sein. Ich nehme mir ein Beispiel und hänge mich auch in das griffige Karstgestein. Allerdings nicht im Sarg sondern an einem Kletterseil. Tagsüber ist es hier noch so warm, dass man nicht nur beim Klettern in schwitzen kommt. Abends kühlt es jedoch deutlich ab, so dass ich sogar meine Softshell-Jacke brauche. Die Gäste in meiner Unterkunft treffen sich dann meist vor dem Hostel unter einem tollen Sternenhimmel an einer Feuerstelle. Das eine oder andere Bier hilft die klebrigen, aber gar nicht schlecht schmeckenden Marshmallows hinunterzuspülen. Die Stimmung in Sagata ist so entspannt, dass ich mein Versprechen bereits hier einlöse und vor dem nächsten Reisetag noch einen Urlaubstag einschiebe.
Leider geben die Philippinen Touristen nur ein Visum für 21 Tage. Um die gewünschten Inseln zu erreichen muss ich mich von Sagata loseisen. Zwei Busfahrten auf zum Glück regulären Sitzen bringen mich zurück nach Manila. Der erste Bus ging bereits um 5 Uhr morgens und es ist schon eine Weile dunkel bevor ich in meine Koje in dem 32 Betten Zimmer der Jugendherberge falle. Mein Flug nach Puerto Princessa auf Palawan verzögert sich um glatte vier Stunden. Wieder komme ich erst spät ins Bett und der Transfer nach El Nido geht auch wieder um 6:30 Uhr los. Irgendwo auf dem Weg verliere ich dann noch mein Reiseführer und das Pendel schlägt deutlicher den je Richtung Urlaub. Zum Glück bin ich jetzt am richtigen Fleck. BadewannentemperaturDie nächsten Tage genieße ich indem ich lange ausschlafe, lese, mir mein leckeres Abendessen vorher beim schnorcheln durch Taucherbrille ansehe und mit einem Kajak Richtung Sonnenuntergang paddle. Eine Bootstour bringt mich ins Bacuit Archipel zu den vielen Buchten der kleinen Inseln vor El Nido. Wie riesige Stücke Holzkohle ragen die schroffen schwarzen Felsen aus dem türkisenem Meer. Die Riffe sind zwar oft abgestorben, bunte Fische finden sich zum Glück noch reichlich. Dass nenne ich Urlaub.

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3 Antworten zu Ritter der Kokosnuss

  1. Island Girl schreibt:

    Hi! Nice blog..from Island Girl Traveller. 😉

  2. Faxe schreibt:

    Na jetzt entspannste aber sehr…. Sendepause?

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